„Entschuldigung, haben Sie das heute Nacht auch wieder gehört?“ Allen Ernstes, steht mein sichtlich entrüsteter neuer Nachbar vor mir, als wir uns heute Morgen beim Bäcker treffen. Ich, noch komplett müde, hatte eine kurze, aber arbeitsreiche Nacht hinter mir, frage ihn:“Was meinen Sie denn bitte?“ Er entgegnet mir: “So gegen halb zwei wurde ich wieder durch die Sirenen der Feuerwehrautos oder des Rettungsdienstes geweckt, ich konnte danach zehn Minuten nicht mehr einschlafen! Was soll das denn, mitten in der Nacht, müssen die da echt so einen Lärm machen?“

Völlig unvoreingenommen, versuchte ich Ihm zu verdeutlichen, dass bestimmt etwas hinter dieser hinterlistigen Lärmattacke in der Nacht gesteckt hatte! Vielleicht hatte jemand dringend Hilfe nötig, sagte ich. Er erwiderte nur, das geht doch sicher auch leise, ohne die Sirenen so dass er nicht in seinem Schlaf gestört würde.

Ich wollte ihm noch mit auf den Weg geben, dass diejenigen, die diesen Lärm machten, ihn zur Wahrung der eigenen Sicherheit machen müssen. Dass nur die Verbindung von Blaulicht und eben dieser Sondersignalanlage "Martinshorn" der Feuerwehr die Ermächtigung gibt, Sonderrechte in Anspruch nehmen zu dürfen. Und da wird nicht zwischen Tag und Nacht unterschieden. Und sicher, sage ich, waren die die den Lärm veranstalten Minuten vorher auch noch müde in ihren Wohnungen oder hatten sogar schon geschlafen. Statt dessen sitzen sie jetzt hier in den Autos, um einem in Not geratenen Mitbewohner der Gemeinde zur Hilfe zu eilen. Viele von Ihnen müssen trotz allem am nächsten Morgen wieder fit und aufmerksam an Ihrem eigentlichen Arbeitsplatz sein und könnten den Schlaf auch gut gebrauchen, wie ich übrigens, aber da war er schon weg. An seiner Stelle stand eine ältere Dame, die meinen Worten gelauscht hatte und sagte: „Mir müssen sie das nicht sagen. Ich weiß sehr wohl, dass es immer einen Grund hat, wenn Ihr diesen „Lärm“ macht und ich selbst hatte schon einmal das Glück, tief in der Nacht, dass ihr für mich da wart. Wegen Eurer schnellen Hilfe bin ich damals gerettet worden. Ich verstehe das!“

Sicher polarisieren wir hier manchmal, aber alles was wir tun, hat einen Grund, nämlich den, für andere da zu sein, wenn Sie in Notlagen sind.

Übrigens, ein paar Tage später, traf ich bei einem Sicherheitswachdienst meinen neuen Nachbarn wieder, nun hatte ich ja die Feuerwehruniform an und er konnte mich als einer derer, die ihn weckten entlarven. Ich rechnete schon damit, das er mich nicht mehr ansprechen oder sogar beschimpfen würde, als er mich erkannte war aber das Gegenteil der Fall. Er meinte nur: Sagen Sie mal, letztens, als wir uns trafen, kamen Sie da direkt vom Einsatz, so müde wie sie wirkten? Ich antwortete nur mit Ja, da meinte er, na, da hatte ich es ja doch gut, ich konnte nach zehn Minuten wieder schlafen, aber Sie sahen ja total geschafft aus! Wieso, haben Sie damals nichts gesagt? Ich sah ihn an und antwortete nur, es ist nicht wichtig was wir tun, sondern es zählt einzig nur, dass wir es tun und warum!

Ich frage mich noch heute, ob es viele Menschen gibt, die nicht den Grund hinter den nächtlichen „Lärmattacken“ wissen. Wir machen sie nur dann, wenn ein Anderer zügige und vor allem wichtige Hilfe benötigt.

Ihre Feuerwehr, Michael Siegmann